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Gegen den Strom - Ausführungen von "Kaptän Lindegger" Gottfried Streuli
 

Im Sommer 1955 war ich Schiffsführer auf dem GMS Arolla und lag in Rotterdam. Ich musste der Reederei in Basel telefonieren und erfuhr, dass ich direkt mit dem Zug nach Basel reisen müsse wegen Filmaufnahmen. Auf meinen Einwand, dass ich die Familie mit zwei kleinen Kindern an Bord hätte, das gehe nicht so einfach, bekam ich die Antwort, sie sollen doch mitreisen und auf Kosten der SR (Schweizerische Reederei) im Schifferhaus wohnen. In Basel angekommen hiess es, ich solle gleich weiterfahren zum Filmstudio Kägi in Rümlang/Zürich. Dort würde ich alles Nähere erfahren. Ich erfuhr, dass sie einen jungen Schweizer Schiffsführer brauchten, der in einem Dokumentarfilm mit einer kleinen Handlung den Schiffsführer spielen soll und nach Durchsicht der Personalunterlagen sei die Wahl auf mich gefallen. Ich bekam auch gleich das Drehbuch, das ich mal studieren sollte. Und in ein paar Tagen würden die Dreharbeiten in Basel beginnen. Bei der Durchsicht der Unterlagen sah ich, dass alle Reedereien und Umschlagsfirmen in Basel einen Werbefilm für unsere Rheinschifffahrt finanzierten. Und als Auflockerung war meine Frau (Marianne Kober, eine echte Filmschauspielerin!) zum zweiten mal hochschwanger und wir fragten uns, ob es bis zur Geburt nach Basel reicht. Nach Drehbuch musste meine Frau jedoch bei der letzten Schleuse Kembs aussteigen und per Taxi ins Frauenspital Basel fahren. Hier erhob ich Einspruch, sagte Herrn Kägi von der Filmfirma, dass ich nicht mitmache, würde das Drehbuch nicht geändert. Ich sei kein Filmschauspieler - würde, jedenfalls beim Abschied nicht wie verlangt heulen und weinend Tränen vergiessen. Auch sei diese gewünschte Szene gar nicht realistisch, Kägi versprach gleich eine Änderung- und so musste ich notgedrungen mitmachen.

In Basel erfuhr ich, dass die Reederei als ihren Beitrag, dass TMS Arenaria zur Verfügung stellte, egal wie lange die Reise dauere. Und ich bekam auch weiterhin meinen Lohn durch meine Reederei, meine anfallenden Spesen und Lohnanteil an Überstunden, Prämien und dergleichen in der Höhe, wie ich auf meiner Arolla geblieben wäre. Da die SR mit ihrem Arenaria ja nicht eigene Reklame machen durfte, erhielt das Schiff für die Filmaufnahmen einen neuen Namen. Eine eigens angefertigte Namentafel wurde jeweils über den richtigen Namen gehängt und wohl die wenigsten meiner Schifferkollegen können sich an ein Tankschiff „Alpenrose“ erinnern. Sogar ich wurde für den Film zum Kaptän Lindegger mit einer speziellen Namenstafel. Die Filmequipe bestand aus etwa 10 Personen, die jeweils an Land in Hotels übernachteten. Dabei war der Sekretär Lötscher vom Rheinschifffahrtsamt, der sich jeweils grossspurig als Verbindungsoffizier vorstellte. Schiffsführer „Cerbinski“ blieb an Bord, führte weiter sein Fahrzeug, bis ich ihn für Filmaufnahmen ablöste. Und während der Fahrt kochte seine Frau für die ganze Gruppe, nicht jedoch für mich. Ich sollte mit der Mannschaft essen. Das ging nur wenige Tage gut. Ich bin ja nicht wählerisch, doch die Esserei war mir bald zu primitiv, so dass ich auch nach Reklamation zur Filmgruppe gehören durfte. Arenaria/Alpenrose fuhr zu Tal nach Rotterdam, doch der Film hiess ja „Gegen den Strom“. Also wurde immer aufgedreht und bergwärts gefahren, falls eine Szene gefilmt wurde. So machten wir die Durchfahrt durch Köln und die Reise durchs Gebirge gleich dreimal. Wir hatten zwar viel Glück mit dem Wetter, doch wurde nur gedreht bei idealer Beleuchtung.

Die Reise Basel-Rotterdam dauerte statt der üblichen drei Tage folglich etwa 2 Wochen. Das Resultat war aber, dass ein sehr schöner Farbfilm entstand. Damals noch etwas Neues! Interessant für mich war zu erleben, wie die Filmmenschen oft Tricks brauchen, die dann die gewünschte Wirkung bringen. So geht der Schiffsjunge wirklich in Köln in den Ausgang, kommt jedoch nicht da wieder an Bord, sondern in Birsfelden. Hier verabschiedet er sich von seiner Freundin, gespielt von Anna Gimpert, natürlich bei Tag, die Nacht wurde künstlich gemacht. Alle Innenaufnahmen wurden auf dem Tanker „Arbedo“ gedreht. Die Platzverhältnisse zum Drehen waren da günstiger. Doch dass die Schiffe ausgetauscht wurden, merkt niemand! Es war sicher interessant einmal zu erleben, wie ein Film entsteht. Doch ich war echt froh, wieder ins normale Schifferleben zurück kehren zu dürfen!

Gottfried Streuli

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